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Radreise 2005: "Ostsee-Umrundung"  

Die längste und physisch sowie psychisch anspruchvollste Tour hatte ich erst ein Jahr nach meiner Jerusalemreise unternommen, als ich mit Milan und Martin aus Oranienburg sowie Kay aus Templin 6.000 Kilometer um die Ostsee geradelt war. Besonders wichtig für das Team war aber auch Jarek, der am leidenschaftlichsten an den Tourvorbereitungen mitgearbeitet hatte, letztlich uns aber nur kurze Zeit begleiten konnte, weil er zeitlich beschränkt war. Er hatte uns zusammen mit seiner schwangeren Frau Asia mit dem Auto als Begleitwagen durch deren alte Heimat Polen geführt. Beiden sind ein paar der schönsten Erinnerungen der Tour zu verdanken. Auch Jens, Daniel, Felix und Winnie hatten uns etappenweise begleitet. Wir fuhren über Dänemark, Schweden, Finnland (Rovaniemi, Hauptstadt von Lappland), Russland (Ladogasee und St. Petersburg), Estland, Lettland, Litauen und Polen wieder zurück nach Oranienburg.

Diese Tour war völlig anders angelegt als alle vorhergehenden Touren, weil wir uns schon durch die Größe des Teams weniger auf unsere Umgebung einlassen konnten, als vielmehr intensiver Erfahrungen mit uns innerhalb des Teams gemacht hatten. Gleichwohl sind auch hier wunderschöne Bilder entstanden. Dabei hatten mich besonders die unberührte Natur Skandinaviens und die Städte und Menschen der ehemaligen Ostblockländer fasziniert. In besonderer Erinnerung ist mir auch der harte Kampf gegen die Elemente.

Der Anspruch dieser Reise lag für mich aber vor allem aber in der Teamerfahrung. Nach der Jerusalemreise hatte ich nämlich sehr viel über die Spannung innerhalb eines Teams nachgedacht, das sich wochenlang unter extremer Belastung auf engstem Raum miteinander errangieren muss. So hatte ich schon vor der Jerusalemreise teaminterne Spannungen als das Hauptrisiko für das Scheitern der Reise identifiziert und tatsächlich muss ein Radreiseteam nicht unbedingt zu Freunden fürs Leben zusammenwachsen. Ein extremer Alltag nötigt den Beteiligten viel mehr Konfliktfähigkeit ab, als selbst durch die Erfahrung einer langjährigen Freundschaft absehbar wäre. Dieser Druck in der Gewissheit von einander abhängig zu sein und nur gemeinsam ein außergewöhnliches Ziel erreichen zu können, hatte mich damals so sehr fasziniert, dass ich mich auf ein weiteres Abenteuer in einem größeren Team (d.h. unter noch mehr Spannung) einlassen wollte. Ich sah darin eine Herausforderung, die Spannungen innerhalb des Teams, die zwangläufig sind, zu verkraften, zu beherrschen und ihnen entgegenzuwirken. Letztlich war diese intensive Teamerfahrung aber ein sehr heikles Experiment.

Im Nachhinein würde ich ein derartiges Projekt aber wiederholen, denn damit wurde allen Beteiligten fast zu viel zugemutet. Ich selbst habe mir oft die Frage gestellt, ob das Initiieren einer solchen Erfahrung, auf die ich mich einlassen wollte und die ich selbst ja maßgeblich errangiert hatte, verantwortungslos gewesen ist. Das Team hatte zwar letztlich das Ziel erreicht, aber viel zu erschöpft und ich muss zugeben, dass es an ein Wunder grenzt, dass alle zumindest äußerlich unbeschadet nach Haus gekommen sind. Erstaunlicher Weise konnte gerade Milan, also derjenige von uns, dem man von seiner äußerlichen Erscheinung her am wenigsten eine solche Reise zugetraut hätte, durch seine unkomplizierte und anspruchslose Art am Besten mit der Situation umgehen. Weil er dadurch auch viel Spannung zwischen uns übrigen abbauen konnte, denke ich, dass ihm am meisten die zwischen uns bis auf den heutigen Tag bewahrte Achtung zu verdanken ist. Dafür danke ich allen Beteiligten!

Durch diese Reise bin ich in vielerlei Hinsicht gelassener und stärker geworden. Jedoch hatte ich viel Zeit gebraucht, um sie mental aufzuarbeiten. Zukünftig würde ich deshalb kleinere Teams (idealer Weise zu zweit) vorziehen.

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